ANGST & SO…

Manchmal habe ich scheiß Laune. Dann habe ich auch keinen Bock zu lächeln. Und ja… ich habe auch manchmal und zwar ziemlich oft verdammt große angst vor dem Leben. Das, obwohl ich viele, tolle Bücher gelesen habe. Das Momente jetzt stattfinden weiß ich – Danke schön. Das ich mir jeden Morgen 108 mal sagen kann das ich toll bin, alles toll ist und der Alltag eine Wuchtbrumme voller Glück, Liebe & Freude ist. 

Was aber oft einfach nicht hilft. Wieso kann ich nicht mal sagen. 

Mein Blick auf die Dinge kann es wirklich nicht sein. Ne, dafür mache ich mich jetzt auch nicht verantwortlich. Bemüht war sie stets, könnte man sagen und das würde es von Außen her auch heißen. Also, nicht zu 100% mein Fehler. Maybe zu 66,66 %. (Ich nehme DIE Verantwortung an!). 

Ich habe oft Angst und verstehe das Leben nicht. Das, was anderen locker von der Hand geht, wie das fröhliche Gesicht, wenn man was tolles geschenkt bekommt, fällt mir nicht leicht.

Mag man mich für eine Lebens – Kläusin halten, muss ich an der Stelle enttäuschen. Ich bin immer irgendwie durch mein Leben gekommen und ich lebe noch. Hatte oft sogar verdammt viel spaß. Aber an manchen Punkten kommt die Angst die Stufen raufgekrochen, lähmt mich und das Leichteste wird für mich unsäglich schwer. 

Ich bin wütend das es so ist, oft auch enttäuscht von mir. Es ist ja nun nicht so, dass mir das gefallen würde. Ältere Generationen würden nun sagen: „Die will nur Aufmerksamkeit.“ Doch ich erzähle das alles nicht mal jemandem. Andere würden jetzt sagen: „Die hat keinen Bock arbeiten zu gehen.“ Muss ich auch revidieren. Ich kann mich nicht erinnern, öfters als 5 mal, außerhalb einer Krankheit den ganzen Tag im Bett gelegen zu haben, um zu chillen. Und ich bin immerhin schon älter als glatte 3 Jahrzehnte und ein paar Jahre kann man noch drauf legen… 

Fazit des heutigen, angsterschütternden Morgens: einfach abwarten und hoffen, dass es aufhört. Denn mit Wut und Angst ist es wie mit einem schlechten Tattoo auf dem Rücken. Man weiß es ist da, man sieht es nicht jeden Tag, aber der Blick fällt zwangsläufig immer mal wieder darauf. 

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RED | ROUGE | ROT

Sommernächte sind rot. Genau wie die Liebe. Doch meist vergänglicher, als es diese je sein könnte.  Sie schälen sich langsam und behutsam aus dem Sonnenuntergang. Entschlüpfen wie ein kleiner Vogel und zwitschern lieblich.

Wenn es bei schwarzer Dunkelheit nicht abkühlt, man die Sekunden der Nacht vergehen und an sich vorbeiwehen lässt, ist das Leben ein anderes.  Abgespalten von der Tristesse des (All)Tags, dem ewig Müssen und dem Wollen, landet man im Sein

Hier wird geteilt. Musik, Club,  Zeit, Cocktails…  die Nacht.. Bestrebt an diesem Gefühl festzuhalten, es mitzunehmen, als könne es für immer so bleiben. Bis der Morgen graut.

Dieser schiebt in blauer Stunde das Schwarz vom Himmel. Weckt die Welt, während dessen Traum und Stillstand der Zeit schlafen gelegt werden. Vom Rot bleibt nur noch der blasse Schimmer einer Erinnerung. 

Und doch weiß man, dass in jenen Sommernächten das Leben ein anderes ist. Eine Realität in sich beherbergt, deren Existenz scheinbar einem Märchen gleich, jedoch der Wahrheit entspricht. Leben…

V A K U U M

Ein Raum, der mir gehört, ist voller Vögel. Sie zwitschern nicht, sondern schauen starr von den Wänden, dass Leben in ihnen ausgehaucht, aber sie machen meines dafür bunter…

Weiße Gardinen flattern im Wind des geöffneten Fensters, Doppelfenster, die Alten aus den 20er Jahren. Aus einer Zeit, wo es noch keinen 2ten Weltkrieg gab. Dieser noch weit fort. Ich beobachte sie, wie sie im Wind tanzen und wenn die Leere mich umschließt, die Stille mein Wesen einnimmt, sind sie es, die mit ihrem Rascheln dem Ganzen eine leise Melodie geben….

Sonnenlicht fällt auf den Holzboden und an manchen Tagen dringen Geräusche zu mir herein. So kommt die Stimme des Lebens an mein Ohr, ab und zu und etwas. Sie verrät mir, dass es noch mehr gibt, als stille, starre Vögel und raschelnde Gardinen.

Wenn das Abendlicht den Raum in dunkles Rot taucht, die Schwärze schon hinten ansteht, um den Tag abzulösen, gehe ich Barfuß, leise schleichend auf und ab. Die Dielen knarren, ich halte inne. Niemand soll erahnen, dass ich hier lebe, dass es mich gibt.

Die Spiegel an den Wänden, viele an der Zahl, meide ich. Ihre goldverzierten Rahmen, mit kleinen Schnitzereien, Blumen oder Mosaiksteinchen aus Glas, hängen dort, als gehörten sie hier her. Irgendwie tun sie es ja auch.

Keine Zeit gibt es hier, nur Tag und Nacht, ohne Ziffernblatt und Datum. Egal, welcher Monat es ist. Ich habe mich aus den Jahreszeiten zurück gezogen und sperre Wärme und Kälte aus, selbst, wenn das Fenster geöffnet ist.

In weißem Kleid drehe ich mich im Kreis, wie ein Kind, bis die Welt vor meinen Augen verschwommen da liegt und ich nicht mehr ahnen kann, wo vorne oder hinten ist. Dann falle ich auf die Matratze, gehalten von hellem, schnörkeligem Rahmen und bin mir selbst genug, beobachte die Vögel , wie sie unter der Decke hängen und ziehe mir manchmal das Laken über den Kopf. Damit es dunkel und noch stiller wird um mich herum. Mein Vakuum, meine Welt, so fern ab von all´dem, was da ist.

Ich rieche Wälder und Wiesen, jedoch nur in meiner Erinnerung, die Welt ist etwas, dass ich draußen lasse und bleibe angefüllt mit meiner Welt, in meinem Inneren, hinter den rauschenden Gardinen zurück. Ich schaue nicht hinaus, denn solange ich es nicht tue, steht auch die Welt im Außen still.

RUHRGEBIETSFLUCHT

Ich bin im Pott aufgewachsen. Nicht am Rande, sondern mittendrin. Man könnte sagen, ich war umgeben von Kohle und Koks. Lange hatten wir einen Koksofen und als Kind durfte ich Stunden damit zubringen, Zeitungspapier auf das Feuer zu werfen. Manchmal bin ich im Keller auch auf den Koksberg geklettert und habe erfolgreich dafür gesorgt, dass  er hinterher ziemlich durcheinander war. Mir gefiel das. Den anderen Beteiligten eher weniger. Naja, ich musste das Zeug auch nicht wieder ordentlich zusammenschaufeln. Ich war ja noch kleiner, als die Schaufel selbst.  Wenn ich in die Ferne geblickt habe, habe ich Schornsteine gesehen, aus denen unablässig Qualm strömte. Es schien, als würde dieser Strom aus grauen Wolken niemals versiegen. Umso älter ich wurde, umso mehr umschloss mich eine Enge, die auch nicht mit der Tatsache auf-zu-hübschen war, dass man quasi von einer Stadt in die nächste fallen konnte. Denn das ging. Eine Straßenseite noch „meine Stadt“, war die nächste Straßenseite schon Bochum oder  eben eine andere Stadt. Ich fand das damals wenig  faszinierend. Auch ist mir das „Malocher“-Gen nie so richtig in die DNA übergegangen. Meine hat sich maßlos dagegen gewehrt und sich Weite gewünscht. Und zwar eine, in der man eine gewisse Zeit unterwegs sein muss, um die nächste Stadt zu erreichen. In der man nicht eingekreist war von Zechen und Fördertürmen, die schon viele Jahre tot waren. Irgendwann bin ich dann wirklich gegangen, habe die Monumente und Überreste hinter mir gelassen und im wahrsten Sinne das Weite gesucht.  

Ich gehe selten nach Hause zurück, meide die Fördertürme, die wie Sterne am Himmel meiner Kindheit funkelten.  Aber manchmal, aber manchmal, wenn ich nicht schlafen kann, sehe ich graue Wolken aus Schornsteinen schießen und kugel, kleiner als eine Schaufel, über den schwarzen Berg aus Koks in unserem Keller…

SHORTSTORY#5#

Wellness-Tag

Ich sitze in einem pastell-orange angestrichenen Raum, auf dessen Wände sich „OM“-Zeichen und Buddha-Köpfe quasi die Hände reichen.
Geführt an diesen schrecklichen Ort hat mich der Gutschein von einer guten Freundin, die meinte „ …ja, so ein Entspannungs-Tag beim Osteopathen würde dir mal sooooo gut tun! Du bist ja total verkrampft und du musst einfach mal loslassen und dich fallen lassen.“

Wie sie das Wort „so“ lang gezogen ausgesprochen hat, da wusste ich eigentlich schon: DAS WIRD NIX!
Ich bin genervt, die Großstadt kotzt mich an, den November kann ich eh nicht leiden und ich möchte in meinem Leiden in Ruhe gelassen werden. Natürlich wollte ich der Freundin auch nicht vor den Kopf stossen und eine Osteopathie Behandlung für 70,- Euro im Klo runter spülen.
Also, sitze ich brav hier, nehme diesen tollen Termin wahr und warte bis ich dran bin.
Eigentlich wäre ich schon vor fünf Minuten an der Reihe gewesen, aber bisher hat sich niemand blicken lassen. Unpünktlichkeit kann ich auch nicht leiden, schon gar nicht, wenn ich genervt bin UND GAR NIX LEIDEN KANN.
Während sanft plätschernde Wasserfall Geräusche in meinem Trommelfell bohren und gelegentlich ertönende Klangschalen das Ganze noch schlimmer machen, schaue ich mich in dem Raum um.
Mein Blick fällt auf einen kleinen Altar, wo Buddha gerade mit Räucherstäbchendampf getötet wird und auch ich fühle mich im sause Schritt der Rauchvergiftung entgegen eilen.
Der Altar passt zu den Wänden, er ist in zartem gelb gehalten, das, was man von Buddha hinter dem Dampf erkennen kann, sitzt in der Mitte. Links und rechts Blumen liebevoll aufgehäuft.
Es ist nicht so, wie man sich ein Wartezimmer vorstellt. Vor Kopf steht ein Wasserspender und daneben einige Tontassen (oh ja, bestimmt handgemacht alle), auf einem roten Lacktisch, wie man sie für 4,95€ bei Ikea kaufen kann.
Mit den Füßen streiche ich über einen flauschig, roten Teppich, der wahrscheinlich längere Haare hat, als der Jeti es jemals hatte. Mit den Zehen versuche ich einzelne Haare auszuzupfen.
Das gedämpfte Licht, das aus kleinen Strahlern unter der Decke herab leuchtet, soll sicher beruhigend wirken und ich begucke mir die Konstruktion von unten.
Wie Äpfel an Ästen hängen die einzelnen Lampen an Drähten, die unter der Decke entlang gespannt sind.
Gerade, als ich beginnen will, dem Benjamin Baum, der mit runder Krone, stolz und grün, nahe dem Sitzsack, in den ich schon längst eingesunken bin, einige Blätter rauszureissen, unterbricht eine Stimme meinen tollkühnen Plan.
„Bist du Nia?“ Ich schaue auf. Vor mir steht ein blonder Mann. Durchtrainiert, aber nicht zu viel, gross, sexy und ich schwöre, er ist der schönste Osteopath auf der ganzen Welt!
„Ja“, stammle ich. „Das bin ich.“ Ich stehe auf, reiche ihm die Hand und werde rot.
Das plätschern pocht in meinen Ohren, die Klangschale höre ich nur noch von weitem, denn mir fällt gerade ein, dass ich nicht gut aussehe.
Nein, gar nicht. Ich trage knall rote Socken, bin NICHT rasiert, mein Schlüpfer (es ist wirklich ein Schlüpfer), ist viel zu klein, denn mein Hintern hat schon bessere Zeiten gesehen.
Wo ist das Loch im Boden, frage ich mich!?
Während ich ihm nachlaufe (vor lauter Schreck hab ich seinen Namen vergessen), blicke ich auf Wände und viele Fotos „fliegen“ an meinem Blickfeld vorbei.
Er in Thailand, er am Meer, Tempel, Elefanten und der kleine Knut, den leider schon vor Jahren das Zeitliche gesegnet hat. Ich mag Tierbilder auch gern.
Schweiss bildet sich in meinen Achselhöhlen und ich denke mir, es kann nicht mehr schlimmer kommen. Buddha, Klangschalen, der heisseste Osteopath auf diesem Planeten und ich unrasiert mit roten Socken. Ich möchte weinen.

Das Behandlungszimmer ist dem Wartezimmer ähnlich, allerdings viel kleiner, die Wände sind in hellem grün gestrichen, sonst ziemlich frei, bis auf ein gerahmtes Foto von einer Holzbrücke in Übergröße. Das ist sicher gut für den Geist, denke ich.

Nach den üblichen Fragen, was mir denn wo weh tut, ob ich Beschwerden in der Lendenwirbelsäule habe und mit den Zähnen knirsche, bedeutet der Osteopath mir (ich kann ihn nur so nennen, ich weiss ja den Namen nicht) mich bis auf die Unterwäsche auszuziehen.
Der Raum mit der Liege ist so klein, dass ich gar nicht weiss, in welche Ecke ich gehen soll, während er mir wohlwollend zunickt.

Ich drehe mich zur der Wand, an der das Foto hängt, halte die Luft an und schliesse beim ausziehen die Augen und bilde mir ganz fest ein, dass ich nun unsichtbar bin.
Ich wollte nicht herkommen, ich will nicht hier sein, aber nachdem ich mich auf die Liege gelegt habe, er beginnt hier und da an mir rumzudrücken, meine Schweissbäche sich langsam reduzieren, die roten Socken gedanklich verdrängt sind, fühle ich mich schon ein wenig entspannter…

Ich blicke auf das gerahmte Foto, das Frottetuch, womit die Liege überzogen ist, fühlt sich wohlig weich auf der Haut an und es gibt nur mich und den schönsten Mann der Welt.
Es sieht aus, als wäre das Foto in Asien gemacht, und ich würde gerne mit nackten Füßen über das Holz laufen, ganz langsam und die Arme ausbreiten und den warmen Sommerwind spüren… „Mensch, du hast aber einen verspannten Nacken! Da ist ja alles blockiert! Das müssen wir lösen….Warte mal.“

Mit diesen Worten packt der wunderschöne Mann mich, knüddelt mich irgendwie zusammen, klemmt meinen Kopf ein (schnell fliegen meine Füße in roten Socken an meinem Gesicht vorbei), sagt „Ausatmen!“ und während er das sagt, knackt mein Hals so erbärmlich, so laut, dass ich fürchte mein Genick ist gebrochen……
Ich starre auf das Bild und denke „Ich wollte da doch nochmal hin!“
Entsetzt, erschrocken schaue ich ihn an.
Ich lebe noch und er lächelt. „Jetzt ist ́s ein bisschen besser, oder?“
„Mh Mh“, antworte ich, immer noch das Knacken in den Ohren. Genervt bin ich auf jeden Fall nicht mehr.