SHORTSTORY#5#

Wellness-Tag

Ich sitze in einem pastell-orange angestrichenen Raum, auf dessen Wände sich „OM“-Zeichen und Buddha-Köpfe quasi die Hände reichen.
Geführt an diesen schrecklichen Ort hat mich der Gutschein von einer guten Freundin, die meinte „ …ja, so ein Entspannungs-Tag beim Osteopathen würde dir mal sooooo gut tun! Du bist ja total verkrampft und du musst einfach mal loslassen und dich fallen lassen.“

Wie sie das Wort „so“ lang gezogen ausgesprochen hat, da wusste ich eigentlich schon: DAS WIRD NIX!
Ich bin genervt, die Großstadt kotzt mich an, den November kann ich eh nicht leiden und ich möchte in meinem Leiden in Ruhe gelassen werden. Natürlich wollte ich der Freundin auch nicht vor den Kopf stossen und eine Osteopathie Behandlung für 70,- Euro im Klo runter spülen.
Also, sitze ich brav hier, nehme diesen tollen Termin wahr und warte bis ich dran bin.
Eigentlich wäre ich schon vor fünf Minuten an der Reihe gewesen, aber bisher hat sich niemand blicken lassen. Unpünktlichkeit kann ich auch nicht leiden, schon gar nicht, wenn ich genervt bin UND GAR NIX LEIDEN KANN.
Während sanft plätschernde Wasserfall Geräusche in meinem Trommelfell bohren und gelegentlich ertönende Klangschalen das Ganze noch schlimmer machen, schaue ich mich in dem Raum um.
Mein Blick fällt auf einen kleinen Altar, wo Buddha gerade mit Räucherstäbchendampf getötet wird und auch ich fühle mich im sause Schritt der Rauchvergiftung entgegen eilen.
Der Altar passt zu den Wänden, er ist in zartem gelb gehalten, das, was man von Buddha hinter dem Dampf erkennen kann, sitzt in der Mitte. Links und rechts Blumen liebevoll aufgehäuft.
Es ist nicht so, wie man sich ein Wartezimmer vorstellt. Vor Kopf steht ein Wasserspender und daneben einige Tontassen (oh ja, bestimmt handgemacht alle), auf einem roten Lacktisch, wie man sie für 4,95€ bei Ikea kaufen kann.
Mit den Füßen streiche ich über einen flauschig, roten Teppich, der wahrscheinlich längere Haare hat, als der Jeti es jemals hatte. Mit den Zehen versuche ich einzelne Haare auszuzupfen.
Das gedämpfte Licht, das aus kleinen Strahlern unter der Decke herab leuchtet, soll sicher beruhigend wirken und ich begucke mir die Konstruktion von unten.
Wie Äpfel an Ästen hängen die einzelnen Lampen an Drähten, die unter der Decke entlang gespannt sind.
Gerade, als ich beginnen will, dem Benjamin Baum, der mit runder Krone, stolz und grün, nahe dem Sitzsack, in den ich schon längst eingesunken bin, einige Blätter rauszureissen, unterbricht eine Stimme meinen tollkühnen Plan.
„Bist du Nia?“ Ich schaue auf. Vor mir steht ein blonder Mann. Durchtrainiert, aber nicht zu viel, gross, sexy und ich schwöre, er ist der schönste Osteopath auf der ganzen Welt!
„Ja“, stammle ich. „Das bin ich.“ Ich stehe auf, reiche ihm die Hand und werde rot.
Das plätschern pocht in meinen Ohren, die Klangschale höre ich nur noch von weitem, denn mir fällt gerade ein, dass ich nicht gut aussehe.
Nein, gar nicht. Ich trage knall rote Socken, bin NICHT rasiert, mein Schlüpfer (es ist wirklich ein Schlüpfer), ist viel zu klein, denn mein Hintern hat schon bessere Zeiten gesehen.
Wo ist das Loch im Boden, frage ich mich!?
Während ich ihm nachlaufe (vor lauter Schreck hab ich seinen Namen vergessen), blicke ich auf Wände und viele Fotos „fliegen“ an meinem Blickfeld vorbei.
Er in Thailand, er am Meer, Tempel, Elefanten und der kleine Knut, den leider schon vor Jahren das Zeitliche gesegnet hat. Ich mag Tierbilder auch gern.
Schweiss bildet sich in meinen Achselhöhlen und ich denke mir, es kann nicht mehr schlimmer kommen. Buddha, Klangschalen, der heisseste Osteopath auf diesem Planeten und ich unrasiert mit roten Socken. Ich möchte weinen.

Das Behandlungszimmer ist dem Wartezimmer ähnlich, allerdings viel kleiner, die Wände sind in hellem grün gestrichen, sonst ziemlich frei, bis auf ein gerahmtes Foto von einer Holzbrücke in Übergröße. Das ist sicher gut für den Geist, denke ich.

Nach den üblichen Fragen, was mir denn wo weh tut, ob ich Beschwerden in der Lendenwirbelsäule habe und mit den Zähnen knirsche, bedeutet der Osteopath mir (ich kann ihn nur so nennen, ich weiss ja den Namen nicht) mich bis auf die Unterwäsche auszuziehen.
Der Raum mit der Liege ist so klein, dass ich gar nicht weiss, in welche Ecke ich gehen soll, während er mir wohlwollend zunickt.

Ich drehe mich zur der Wand, an der das Foto hängt, halte die Luft an und schliesse beim ausziehen die Augen und bilde mir ganz fest ein, dass ich nun unsichtbar bin.
Ich wollte nicht herkommen, ich will nicht hier sein, aber nachdem ich mich auf die Liege gelegt habe, er beginnt hier und da an mir rumzudrücken, meine Schweissbäche sich langsam reduzieren, die roten Socken gedanklich verdrängt sind, fühle ich mich schon ein wenig entspannter…

Ich blicke auf das gerahmte Foto, das Frottetuch, womit die Liege überzogen ist, fühlt sich wohlig weich auf der Haut an und es gibt nur mich und den schönsten Mann der Welt.
Es sieht aus, als wäre das Foto in Asien gemacht, und ich würde gerne mit nackten Füßen über das Holz laufen, ganz langsam und die Arme ausbreiten und den warmen Sommerwind spüren… „Mensch, du hast aber einen verspannten Nacken! Da ist ja alles blockiert! Das müssen wir lösen….Warte mal.“

Mit diesen Worten packt der wunderschöne Mann mich, knüddelt mich irgendwie zusammen, klemmt meinen Kopf ein (schnell fliegen meine Füße in roten Socken an meinem Gesicht vorbei), sagt „Ausatmen!“ und während er das sagt, knackt mein Hals so erbärmlich, so laut, dass ich fürchte mein Genick ist gebrochen……
Ich starre auf das Bild und denke „Ich wollte da doch nochmal hin!“
Entsetzt, erschrocken schaue ich ihn an.
Ich lebe noch und er lächelt. „Jetzt ist ́s ein bisschen besser, oder?“
„Mh Mh“, antworte ich, immer noch das Knacken in den Ohren. Genervt bin ich auf jeden Fall nicht mehr.

Werbeanzeigen

2 Kommentare zu „SHORTSTORY#5#

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s