RUHRGEBIETSFLUCHT

Ich bin im Pott aufgewachsen. Nicht am Rande, sondern mittendrin. Man könnte sagen, ich war umgeben von Kohle und Koks. Lange hatten wir einen Koksofen und als Kind durfte ich Stunden damit zubringen, Zeitungspapier auf das Feuer zu werfen. Manchmal bin ich im Keller auch auf den Koksberg geklettert und habe erfolgreich dafür gesorgt, dass  er hinterher ziemlich durcheinander war. Mir gefiel das. Den anderen Beteiligten eher weniger. Naja, ich musste das Zeug auch nicht wieder ordentlich zusammenschaufeln. Ich war ja noch kleiner, als die Schaufel selbst.  Wenn ich in die Ferne geblickt habe, habe ich Schornsteine gesehen, aus denen unablässig Qualm strömte. Es schien, als würde dieser Strom aus grauen Wolken niemals versiegen. Umso älter ich wurde, umso mehr umschloss mich eine Enge, die auch nicht mit der Tatsache auf-zu-hübschen war, dass man quasi von einer Stadt in die nächste fallen konnte. Denn das ging. Eine Straßenseite noch „meine Stadt“, war die nächste Straßenseite schon Bochum oder  eben eine andere Stadt. Ich fand das damals wenig  faszinierend. Auch ist mir das „Malocher“-Gen nie so richtig in die DNA übergegangen. Meine hat sich maßlos dagegen gewehrt und sich Weite gewünscht. Und zwar eine, in der man eine gewisse Zeit unterwegs sein muss, um die nächste Stadt zu erreichen. In der man nicht eingekreist war von Zechen und Fördertürmen, die schon viele Jahre tot waren. Irgendwann bin ich dann wirklich gegangen, habe die Monumente und Überreste hinter mir gelassen und im wahrsten Sinne das Weite gesucht.  

Ich gehe selten nach Hause zurück, meide die Fördertürme, die wie Sterne am Himmel meiner Kindheit funkelten.  Aber manchmal, aber manchmal, wenn ich nicht schlafen kann, sehe ich graue Wolken aus Schornsteinen schießen und kugel, kleiner als eine Schaufel, über den schwarzen Berg aus Koks in unserem Keller…

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BERLIN | MONTAG | 7.05 UHR

Die dunkle Nacht hat mich ausgespuckt und in einen grauen, verregneten Morgen entlassen. Diese war kurz, aber schön. Verwirrend und bleibt als flirrende Erinnerung in meinem Kopf zurück. Ich habe einen Tag vor mir, den man als „normales Leben“ bezeichnen könnte. Da ich nur in Etappen geschlafen habe, werde ich heute sicher müde sein.

Die sanfte Erinnerung jedoch wird bleiben und mich begleiten. Eine stille Nacht, durch die ich mich nicht überrannt fühle. Aber schön… Eine, die nicht dafür sorgen wird in einem Gefühlschaos aus Hormonwallungen stecken zu bleiben, sondern eine, die einen Hauch von Sicherheit hinterlässt. Keine Idee, wo es hinführt oder hinführen könnte…

Der Duft von Kaffee, Parfüm und Menschen in der überfüllten Berliner S-Bahn, und die Erinnerungen an die letzten Stunden, erbringen seit Jahren das erste Mal wieder einen Beweis, dass ich lebe und ein Teil von dieser Welt bin. Plötzlich bin ich nicht mehr ganz einsam…