SHORTSTORY#5#

Wellness-Tag

Ich sitze in einem pastell-orange angestrichenen Raum, auf dessen Wände sich „OM“-Zeichen und Buddha-Köpfe quasi die Hände reichen.
Geführt an diesen schrecklichen Ort hat mich der Gutschein von einer guten Freundin, die meinte „ …ja, so ein Entspannungs-Tag beim Osteopathen würde dir mal sooooo gut tun! Du bist ja total verkrampft und du musst einfach mal loslassen und dich fallen lassen.“

Wie sie das Wort „so“ lang gezogen ausgesprochen hat, da wusste ich eigentlich schon: DAS WIRD NIX!
Ich bin genervt, die Großstadt kotzt mich an, den November kann ich eh nicht leiden und ich möchte in meinem Leiden in Ruhe gelassen werden. Natürlich wollte ich der Freundin auch nicht vor den Kopf stossen und eine Osteopathie Behandlung für 70,- Euro im Klo runter spülen.
Also, sitze ich brav hier, nehme diesen tollen Termin wahr und warte bis ich dran bin.
Eigentlich wäre ich schon vor fünf Minuten an der Reihe gewesen, aber bisher hat sich niemand blicken lassen. Unpünktlichkeit kann ich auch nicht leiden, schon gar nicht, wenn ich genervt bin UND GAR NIX LEIDEN KANN.
Während sanft plätschernde Wasserfall Geräusche in meinem Trommelfell bohren und gelegentlich ertönende Klangschalen das Ganze noch schlimmer machen, schaue ich mich in dem Raum um.
Mein Blick fällt auf einen kleinen Altar, wo Buddha gerade mit Räucherstäbchendampf getötet wird und auch ich fühle mich im sause Schritt der Rauchvergiftung entgegen eilen.
Der Altar passt zu den Wänden, er ist in zartem gelb gehalten, das, was man von Buddha hinter dem Dampf erkennen kann, sitzt in der Mitte. Links und rechts Blumen liebevoll aufgehäuft.
Es ist nicht so, wie man sich ein Wartezimmer vorstellt. Vor Kopf steht ein Wasserspender und daneben einige Tontassen (oh ja, bestimmt handgemacht alle), auf einem roten Lacktisch, wie man sie für 4,95€ bei Ikea kaufen kann.
Mit den Füßen streiche ich über einen flauschig, roten Teppich, der wahrscheinlich längere Haare hat, als der Jeti es jemals hatte. Mit den Zehen versuche ich einzelne Haare auszuzupfen.
Das gedämpfte Licht, das aus kleinen Strahlern unter der Decke herab leuchtet, soll sicher beruhigend wirken und ich begucke mir die Konstruktion von unten.
Wie Äpfel an Ästen hängen die einzelnen Lampen an Drähten, die unter der Decke entlang gespannt sind.
Gerade, als ich beginnen will, dem Benjamin Baum, der mit runder Krone, stolz und grün, nahe dem Sitzsack, in den ich schon längst eingesunken bin, einige Blätter rauszureissen, unterbricht eine Stimme meinen tollkühnen Plan.
„Bist du Nia?“ Ich schaue auf. Vor mir steht ein blonder Mann. Durchtrainiert, aber nicht zu viel, gross, sexy und ich schwöre, er ist der schönste Osteopath auf der ganzen Welt!
„Ja“, stammle ich. „Das bin ich.“ Ich stehe auf, reiche ihm die Hand und werde rot.
Das plätschern pocht in meinen Ohren, die Klangschale höre ich nur noch von weitem, denn mir fällt gerade ein, dass ich nicht gut aussehe.
Nein, gar nicht. Ich trage knall rote Socken, bin NICHT rasiert, mein Schlüpfer (es ist wirklich ein Schlüpfer), ist viel zu klein, denn mein Hintern hat schon bessere Zeiten gesehen.
Wo ist das Loch im Boden, frage ich mich!?
Während ich ihm nachlaufe (vor lauter Schreck hab ich seinen Namen vergessen), blicke ich auf Wände und viele Fotos „fliegen“ an meinem Blickfeld vorbei.
Er in Thailand, er am Meer, Tempel, Elefanten und der kleine Knut, den leider schon vor Jahren das Zeitliche gesegnet hat. Ich mag Tierbilder auch gern.
Schweiss bildet sich in meinen Achselhöhlen und ich denke mir, es kann nicht mehr schlimmer kommen. Buddha, Klangschalen, der heisseste Osteopath auf diesem Planeten und ich unrasiert mit roten Socken. Ich möchte weinen.

Das Behandlungszimmer ist dem Wartezimmer ähnlich, allerdings viel kleiner, die Wände sind in hellem grün gestrichen, sonst ziemlich frei, bis auf ein gerahmtes Foto von einer Holzbrücke in Übergröße. Das ist sicher gut für den Geist, denke ich.

Nach den üblichen Fragen, was mir denn wo weh tut, ob ich Beschwerden in der Lendenwirbelsäule habe und mit den Zähnen knirsche, bedeutet der Osteopath mir (ich kann ihn nur so nennen, ich weiss ja den Namen nicht) mich bis auf die Unterwäsche auszuziehen.
Der Raum mit der Liege ist so klein, dass ich gar nicht weiss, in welche Ecke ich gehen soll, während er mir wohlwollend zunickt.

Ich drehe mich zur der Wand, an der das Foto hängt, halte die Luft an und schliesse beim ausziehen die Augen und bilde mir ganz fest ein, dass ich nun unsichtbar bin.
Ich wollte nicht herkommen, ich will nicht hier sein, aber nachdem ich mich auf die Liege gelegt habe, er beginnt hier und da an mir rumzudrücken, meine Schweissbäche sich langsam reduzieren, die roten Socken gedanklich verdrängt sind, fühle ich mich schon ein wenig entspannter…

Ich blicke auf das gerahmte Foto, das Frottetuch, womit die Liege überzogen ist, fühlt sich wohlig weich auf der Haut an und es gibt nur mich und den schönsten Mann der Welt.
Es sieht aus, als wäre das Foto in Asien gemacht, und ich würde gerne mit nackten Füßen über das Holz laufen, ganz langsam und die Arme ausbreiten und den warmen Sommerwind spüren… „Mensch, du hast aber einen verspannten Nacken! Da ist ja alles blockiert! Das müssen wir lösen….Warte mal.“

Mit diesen Worten packt der wunderschöne Mann mich, knüddelt mich irgendwie zusammen, klemmt meinen Kopf ein (schnell fliegen meine Füße in roten Socken an meinem Gesicht vorbei), sagt „Ausatmen!“ und während er das sagt, knackt mein Hals so erbärmlich, so laut, dass ich fürchte mein Genick ist gebrochen……
Ich starre auf das Bild und denke „Ich wollte da doch nochmal hin!“
Entsetzt, erschrocken schaue ich ihn an.
Ich lebe noch und er lächelt. „Jetzt ist ́s ein bisschen besser, oder?“
„Mh Mh“, antworte ich, immer noch das Knacken in den Ohren. Genervt bin ich auf jeden Fall nicht mehr.

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SHORTSTORY#4#

Start-up (oder: wen kann ich schnell fragen, wenn ich nicht weiter weiß…)

„Du kannst ja mal schauen, ob man die Praktikanten auch über die Limited in der UK laufen lassen kann. Find´ das mal raus!“

Ich kratze mich am Hinterkopf, schaue verstehend, fast wissend über mein MacBook aus dem Jahre 2009 hinweg und tue, als würde ich wissen worum es geht.

„What the f…… ist eine Limited?!“

Ich habe keine Ahnung, aber davon reichlich und darin bin ich gut! Soll ich als erstes „Limited“ googeln, Regelungen für Praktikanten oder lieber gleich los weinen? Ich möchte das Letzte machen, entscheide mich aber für das Erste und verstehe nur Bahnhof. Alles Technische ist an mir vorüber gezogen, alles Moderne auch und ich stelle wieder einmal fest, dass ich keine Heldin bin, nur weil ich weiß, dass ich mit der Tastenkombination „CMD + A“ mehrere Dinge gleichzeitig markieren kann.

Um ehrlich zu sein, verstehe ich gerade gar nix und die Welle der Überforderung ist nur noch wenige cm entfernt. Ich bin altmodisch, sehe weder hip noch erfolgreich aus, wie ich in meinem lila Kleid, für 6€ aus dem Secondhand-Laden an der Ecke, zwischen lauter geschäftigen und erfolgreichen Menschen sitze. Ein Trauerspiel und am Liebsten würde ich ( mal wieder ) ein Loch im Boden suchen, in dem ich mich verstecken kann, finde aber keines. Auch vor der Tatsache, dass der allgemeine Fortschritt an mir vorbei spaziert ist, kann ich mich kaum verstecken.

Er tippelt weiter fröhlich auf der Tastatur herum, bastelt weiter an Erfolgskonzepten und schaut mich aus den Augenwinkeln an. Verdammt! Er sieht, dass ich keinen Plan habe und ich schäme mich. Ich fühle mich unwohl in dieser Welt, die ich nicht verstehe, mit der ich nicht Schritt halten kann und die rein gar nix mit mir zu tun hat. Lieber würde ich das Meer angucken, etwas zusammenkleben oder in Kartons packen. Ich versage auf der ganzen Linie. Selbst Minuten später bin ich kein Stück weiter, mindestens 20cm kleiner (und ich bin jetzt schon klein!), weil mir das Alles unverständlich erscheint.

Verbuchen wir das Ganze als einen kleinen Ausflug in die aufregende Welt der Start-up-Unternehmen. Später gehe ich in den Wald, einen Baum umarmen und schreibe einen Brief an meine Oma. Per Hand versteht sich. Schon alleine aus Protest. Ja, ich protestiere gegen Worte, wie Limited und all´ die Dinge, die ich nicht verstehe.

SHORTSTORY#3#

Ein Aschenbecher voller Wasser

Bei mir hat es schon relativ früh angefangen. Erst war es die Baby-G-Uhr, die zur Jahrtausendwende hätte in die Luft fliegen können (ja, ich war gerade volljährig zum Millennium), weiter ging es über die Kaffeemaschine, den Herd und allerlei andrer lustiger Dinge, die sich in meiner Fantasie in Rauch und Flammen würden auflösen können. Somit würden sie natürlich alles in Brand stecken und ich entschied mich, dafür Sorge zu tragen, dass DAS nicht geschieht.

Es kostete Zeit und später auch Nerven, aber die Lawine war ins Rollen geraten und nicht mehr aufzuhalten. Spätestens im Jahr, das nach dem Maya Kalender das Ende der Welt hätte bedeuten können (ich sage nicht SOLLEN– es bestand nur die Möglichkeit!), wurde mir bewusst, dass sich das Ganze zu einem unschönen Zwang in meinem Leben entwickelt hatte. An einem sonnigen und warmen Tag im August habe ich bei Benedikt die Wohnung geputzt (natürlich schwarz, 10€uro die Stunde) und konnte die Wohnung nicht verlassen, weil ich fürchtete der Wasserkocher würde ein Eigenleben entwickeln und durch ein verschmortes Kabel den ganzen schönen Altbau zerstören, was dann am Ende meine Schuld gewesen wäre. Trotz gezogenem Stecker, mehrmaligem kontrollieren, war es mir einfach nicht möglich, darauf zu vertrauen, dass das, was ich fürchtete, schier unmöglich war. Tausend Tränen später saß ich immer noch vor seiner Wohnungstür und habe es erst mit Träne Tausend und eins geschafft, mich aus dem Szenario zu lösen. Mir schwant das Problem zur damaligen Zeit war nicht der Wasserkocher…

Ich habe immer und gerne viel geraucht. Im Bett, am Fenster, am Tisch. Am Liebsten in der Wohnung. Das hat meinem Leben inklusive Velvet Underground den künstlerischen Touch verliehen. Das es eigentlich nur gestunken hat, hab ich geflissentlich ignoriert.

Trotz diverser Weltuntergangstheorien gab es die Welt immer noch, aber mir war es irgendwann unmöglich die Wohnung zu verlassen, wenn ich nicht genügend Wasser in den Aschenbecher laufen ließ. Sicher ist sicher. Wasser löscht Feuer, hindert es am entstehen und erst wenn die letzte Kippe in den Wellen der aschigen, stinkenden Brühe ertrunken war, konnte ich das Haus verlassen. Natürlich wurde der volle Aschenbecher in der Spüle stehen gelassen. Recht so, damit konnte ich mir wirklich sicher sein, dass sich stets alles zum Besten wenden würde!

Nicht, dass ich von dieser Gewohnheit hätte ablassen können, als ich wieder regelmäßig Besuche empfing (natürlich von Männern. Mit Freundinnen treffe ich mich nur zum shoppen und in Cafés. Nägel lackieren kann ich auch alleine zu Hause!)

Diese Gewohnheit war mir so in Fleisch und Blut übergegangen, dass ich ganz automatisch, nach dem mein Besuch und ich beschlossen hatten, in der luftigen Frische des Frühlings den Tag außerhalb meiner Wohnung zu verbringen, Wasser in den ohnehin schon fast vollen Aschenbecher laufen ließ. Bis alle Kippen ertrunken waren. Alles wie immer eben…

Mein Gegenüber bekam runde Augen, fast wie ein Teddybär, nur nicht ganz so süß. Er schaute ziemlich angewidert.

„Was…machst…du da?“ fragte er. Selber schuld. Das passiert, wenn man viel zu viel Zeit mit Leuten verbringt, deren Schrullen man nicht kennt. Ich erschrak. 

„Ich wollte den sauber machen!“ Was dämlicheres war mir wirklich nicht eingefallen. Vielleicht noch „Ich stelle einen Zaubertrank her.“ Schlagfertig war ich noch nie.

Der Geruch von dem Wasser und Asche Gemisch breitete sich aus, während draußen die Vögel piepsten und die hell rosa Blüten des Baumes vom Wind davon getragen wurden. Ich fühlte mich erwischt, war erschrocken, man hatte mich ertappt. Aber schämen tat ich mich nicht. Nö, wieso auch. Man kann ja nie wissen. Im Fernsehen gehen Zigaretten auch manchmal von alleine wieder an und Zauberer können das auch. Sicher ist sicher. Dennoch sagte ich zu dem Thema nix mehr. Der Aschenbecher blieb schön in der Spüle stehen. 

Der Verlust des Mannes war keine große Tragödie (ich denke, er empfindet das genauso). 

Zum Glück rauche ich nicht mehr in der Wohnung und wenn mein Haus mal in Flammen aufgeht, war ich NICHT SCHULD! Einen Wasserkocher habe ich nämlich auch nicht!

SHORTSTORY#2#

Der Typ, der neben mir sitzt und bei brüllender Hitze auch auf den Bus wartet, ist Barfuß. Er hat Dreads, sieht ziemlich alternativ aus, dreht sich auf die Schnelle noch eine Zigarette. Auf seinem rechten Fuß ist das Wort: „Frei“ tätowiert.

In Gedanken sehe ich ihn kiffend an der Spree sitzen, mit dem Rucksack durch Thailand ziehen und das alles ohne Schuhe. Es passt zu ihm. Scheint er jemand zu sein, der so etwas wie Freiheit in seinem Herzen beherbergt, dort ein kleines zu Hause für dieses große Wort und Gefühl eingerichtet hat.

Ich bin neidisch. Wäre ich doch gerne so individuell gewesen und würde das Leben an jeder Ecke am Liebsten einsaugen, fühlen und spüren. Am heutigen Tag tue ich es. Es herrscht brütende Hitze. Alles fühlt sich nach Sommer an, riecht und schmeckt danach.

Ich schaue ihn an, deute mit der Hand auf seinen Fuß und frage: „Und, bist du es?“ 

Verwirrt schaut er mich an (er hat strahlend blaue Augen), atmet den Qualm seiner Zigarette aus. „Was bin ich?“  

Ich tippe nun mit dem Finger beinah auf das Tattoo. „Frei“, wiederhole ich.

„Was ist denn Freiheit?“ 

Nun fragt er mich, und ich muss einen Moment darüber nachdenken. Ich habe in den letzten Monaten viel darüber gegrübelt, was Freiheit für mich bedeutet und kann es  nicht definieren.

„Man ist immer von irgendwas abhängig“, fährt er fort. „Geld, der Gesellschaft, Suchtmittel, Menschen und so weiter.“ 

Er schwenkt die Zigarette in der Hand hin und her.

Recht hat er. Freiheit ist etwas, das ich seit Jahren versuche zu finden und festzuhalten, aber es hat was flüchtiges. In den letzten Jahren habe ich es sicher ein Dutzend mal fast zu greifen bekommen. Doch es ist immer wieder entwischt.

Jemand hat mir mal gesagt, Glück könne man nicht festhalten. Das stimmt auch. Genauso verhält es sich sicher mit der Freiheit.

„Was ist Freiheit für dich?“ 

„ Mmmmmmhhhhh“, ich druckse rum, „Gute Frage. Ich weiß es nicht. Aber ich finde du bist schon nah dran mit dem Tattoo auf dem Fuß und ohne Schuhe in Neukölln.“ 

Ich lächle. Er lächelt zurück. 

„Meine Freundin und ich haben uns das Tattoo an unserem vierten Jahrestag stechen lassen…“

Ich verkneife mir die Frage, ob es die Freundin noch gibt und wenn nicht, was passiert ist. Er ist sicher viele Jahre jünger als ich, aber er ist schön. Hat noch etwas Unverdorbenes an sich. Nicht ganz so kaputt wie ich… Mein Gefühl flüstert mir zu, dass ich eine gute Zeit mit ihm haben würde. Solche Männer sind liebevoll, zärtlich, sie nehmen einen mit in eine andere Welt. In eine, wo man am Seeufer kifft, die ganze Nacht John Frusciante hört und redet, barfuß durch die Stadt läuft, sich losgelöst fühlt von allem, nur für den Moment lebt. Und es sind diese, die nicht sonderlich zuverlässig sind, auf die man wartet, die nicht anrufen, die an den Wochenenden nicht aus dem Bett kommen und Verabredungen vergessen.

Ein verspielter Teil in mir ist abgestorben im laufe der Zeit. Vertrocknet wie Gestrüpp in der Sonora Wüste. Das macht mich traurig.

Der heiße Sommerwind fegt über die Sonnenallee hinweg. Die Menschen stöhnen und alle warten auf ein kühlendes Gewitter. Berlin erscheint einem bei der Hitze noch voller, als sonst.

Wir beide müssen mit dem gleichen Bus fahren. Die Situation ist komisch. Zu einem Ergebnis gekommen sind wir nicht. 

Er traut sich nicht, mich nach irgendwas zu fragen. Ich traue mich nicht mit ihm mitzugehen und einfach den Moment zu genießen.

Shortstory#1#

Nieder mit dem Über – Ego!!!

Ich mache einen Job am Flughafen. Dort arbeite ich als Hostess und finde mich bisweilen recht großartig, weil ich so fleißig bin. Eigentlich stimmt das nicht. Ich hasse diesen Job, fühle mich einfach zu alt und viel zu überqualifiziert für diese Tätigkeit, die nur daraus besteht, in einem blöden, blauen Kostüm am Flughafen herum zu lungern, Messe-Gäste mit einem „WELCOME“-Schild zum Bus zu winken und mir das aufgeregte Geschnatter von Studenten im ersten Semester reinzuziehen. Alles in Allem, es gibt wirklich besseres, als DAS hier. Wobei ich erwähnen muss, das mir eigentlich gar nichts gut genug ist, ich in den letzten Jahren im Berliner Osten, zwischen Soja-Latte und veganem Käse, zu einem Möchte-gern-Macher verkommen bin und eigentlich nix kreatives mache, außer… eben… ab und zu… ziemlich bescheuerte Jobs. Am Flughafen gibt es keinen Soja- Latte und so muss ich auf mein geliebtes Koffein verzichten, mich damit begnügen mit den Studie-Mädels immer im Kreis zu laufen und ein nettes Gesicht zu machen. Eigentlich bin ich ziemlich garstig, was an meiner eigenen Unzufriedenheit liegt. Kann ja niemand was zu, aber mir fällt es doch umso leichter die Schuld anderen zu geben, als mir selber… Und mal im Ernst: DAS MACHT DOCH SO AUCH VIEL MEHR SPAß.

Die sechs Stunden wollen nicht umgehen. Wir sind sicher schon mit unserem Schildchen 15 mal um den Flughafen gelaufen. Unsere blauen Röcke wippen fröhlich um die Beine, auch wenn ich meinen vier mal umschlagen musste, weil er sonst fast bis zum Boden gereicht hätte. Ich sehe schrecklich peinlich aus und während ich davon träume, mit gepackten Koffern, kreativ, berühmt, erfolgreich und begehrt über diesen Flughafen zu flanieren, kommt uns von weitem eine lustige, bunte Menschentraube entgegen. Im ersten Moment kein wirkliches Problem. Dummerweise entdecke ich inmitten dieser Traube einen Lockenschopf und wie ein Blitz zuckt es durch meinen Körper, denn ich weiß schnell zu wem diese Locken gehören. Mein Herz setzt aus, ich bekomme Schweißausbrüche, das Kostüm sieht noch viel beknackter aus und in einer leicht wahnsinnig wirkenden Geste drücke ich einer netten Messe-Kollegin das tolle „WELCOME“– Schild (welche Ehre mir in den letzten 45 Minuten gebührte, es durch die Gegend zu tragen. NEIN, DAFÜR HABE ICH MICH NICHT GESCHÄMT!) in die Hand und mein Reflex lautet: „FLUCHT!“

„Halt mal!“ stammle ich und suche das Loch im Boden. Finde aber keins, also entscheide ich mich für einen kleinen Seitengang, in dem es tolle Sachen zu kaufen gibt, die ich mir nicht leisten kann.

„Wo willst du denn hin?“ ruft mir Studentin Nr.1 hinterher (ich habe es nicht so mit Namen).

„Ich muss mal ganz schnell da vorne was gucken!“ sage ich und eile auf meinen Pumps davon.

Die lustige Traube nähert sich und aus der Nähe sehen sie noch besser aus. Sie sehen eben aus wie Menschen, die ganz hippe Typen sind, mit dollen Dingen Geld verdienen und auch noch Spaß haben, an dem was sie tun.  (Ja, so was gibt es. Auch wenn ich nicht zu diesem erlauchten Kreis gehöre) Lustig schnattern sie durcheinander, lächeln. Die coolen Sonnenbrillen blinken. Ich drehe mich um, als sie an dem Gang vorbei laufen und starre, ohne Luft zu holen in ein Schaufenster, das mir BURBERRY Taschen in unterschiedlichen Farben zeigt. Grotten hässlich diese Taschen. Ich wurde nicht gesehen. Das Trauben-Gewäsch ist nun leiser und entfernt sich immer mehr. So schleiche ich aus dem Gang heraus und stelle mich wie ein nasser Hund, mit hängendem Kopf, wieder zu meiner Gruppe. Alle starren mich an.

„Tolle Taschen! Da vorne, der Laden!“ druckse ich rum und nehme, wenn auch ungern, das Schild wieder in Empfang. Es ist nichts Schlechtes an „ordentlicher“ Arbeit… Ganz weit in der Ferne, sehe ich die mir bekannte Gestalt verschwinden. Um das Ganze aufzulösen, ohne zu viel zu verraten, kann ich nur sagen, wir haben mal zusammen gearbeitet. Sie ist ungefähr 100 mal besser in dem was sie tut, was ich auch gerne tun und können würde, als ich. Der Zug ist an mir vorbei gefahren. Ich freue mich meist für fröhliche Menschen, aber nicht unbedingt, wenn ich gerade selber un-fröhlich bin und wieder einmal merke, dass mein latent brabbelndes Über-Ego, das so gerne im Hintergrund säuselt, mich komplett verarscht und mir jahrelang eigentlich nur scheiße erzählt hat.

„Du bist ganz toll, du schaffst alles!“ HA! Von wegen, gelogen hat das… Aber ordentlich! Und am Liebsten werde ich natürlich in solchen Situationen daran erinnert, wenn ich defintiv in der peinlicheren Lage bin, als mein Gegenüber.

„Ja, ja. Flieg du nur zu deinem tollen Job“, denke ich, umklammere das Schild mit Stolz und trage es wie eine Kämpferin der französischen Revolution vor mir her. Im nächsten Moment werde ich traurig. Ich habe mich jetzt komplett von der Gruppe abgekapselt, gewissermaßen halte ich einen größeren Abstand und schlurfe so mit. Ich hab mir das wirklich mal anders vorgestellt… alles…

Jetzt gehe ich rauchen. Während ich vor dem Haupteingang stehe und mir meine Zigarette aus veganem Tabak drehe (diese Stadt hat mich in vielerlei Hinsicht versaut, aber auf anderen Ebenen auch zu einem besseren Menschen gemacht), sitzt der Zusammenschluss erfolgreicher Trauben, sicher schon im Flieger in ein spannendes Land. „Ich will auch!“ schmoll ich in Gedanken, ziehe eine Schnute wie eine vier Jährige. Ich bin knatschig auf mein Über-Ego, denn es hat mich betrogen und angelogen. Aber ich versuche mich nicht zu grämen, rauche meine Zigarette und starre den startenden Flugzeugen hinterher. Es wird Zeit mich von meinem Über-Ego zu verabschieden. Ja, es ist Zeit diesem Wesenszug endgültig die Freundschaft zu kündigen. Diesen Entschluss nehme ich mir fest vor in die Tat umzusetzen. Könnte einige Zeit in Anspruch nehmen. Aber ich bin noch keine 70 Jahre alt. Ich bin jung (fühle mich ab und an allerdings schon, als hätte ich so einige Leben auf dem Buckel) und es besteht noch Hoffnung! Ja, genauso sehe ich das! Ich straffe die Schultern, bin kampfbereit. Das Schild in der rechten Hand, gehe ich erhobenen Hauptes zurück in die Flughafenhalle…